ENSHROUDED DATENBANK
| # | Eintrag |
|---|---|
| 1 | Neugier ist der Beginn der Spirale Es ist ein verlockender Tunnel, eine Höhle, ein weit aufgerissener Mund. Eine warme, umhüllende Dunkelheit, die ein heiliges inneres Licht verspricht. Die Menschheit ist noch ein Kind, jung auf dieser Erde, mit frischem Blick und naivem Herzen, begierig zu erkunden. Wir sind Motten im Flug zur blauen Flamme, die von ihr angezogen werden. Wir stolzieren, wo wir gehen sollten, und ragen auf, wo wir kriechen müssten. Wer hat uns erlaubt, die Dunkelheit zu durchdringen? Immer tiefer hinabzusteigen, eine nicht enden wollende Spirale benetzt von flüssigen Schatten hinab, ein winziger Splitter aus Zeit und Materie, der in den Schlund eines Ungeheuers gleitet? Ich sehe es — wieder und wieder und wieder. Manchmal bin ich das Kind. Selig ahnungslos bis zum bitteren Ende. Und manchmal bin ich die Dunkelheit. Gierig, Wartend. Beobachte das stille Wasser von unten. Der lautlose Jäger, gedrängt zwischen unsichtbaren Körpern am Grund eines sonnenlosen Meeres. Ruhig. Und so, so weit entfernt. Wieder und wieder und wieder. |
| 2 | Der Sog der Spirale Die Spirale zieht einen hinein Sich nach unten windend Eine unergründliche Struktur, jede Biegung verdrehter als die letzte Ein Korkenzieher, der sich langsam ins Fleisch dreht Eine Schlange, die die Welt verschlingt— und sich selbst, bis sie nicht mehr fressen kann Wieder und wieder und wieder. Bis die Welt vergisst, denn es bleibt nichts außer einem nachklingenden Reiz. Der Druck steigt, je tiefer ich mich wage. Eine Welt, die nicht mehr meine ist, ragt über mir, erstickt mich, drückt mich hinab. Ich lehne meine Hände an die Wand der Spirale, um mich beim Abstieg nicht zu verlieren. Ihre Seiten sind feucht und glänzend. Sie verkrümmt sich mehr mit jeder Drehung, uneben, unregelmäßig, um sich selbst gewunden. Sie führt mich immer weiter hinab. Je tiefer ich tauche, desto mehr begreife ich ihren Rhythmus. Sie ist fleischlich, atmend, zitternd. Sie entspringt der Tiefe. |
| 3 | Am Fuße der Spirale Ich erwache am Grund der Spirale, im Kern der Erde. Um mich herum eine wogende Masse, ein Durcheinander von Gliedmaßen, ein Haufen Fleisch. Sie formt den Sog, der das Hier mit dem Davor verbindet. Die Masse starrt mich an. Ich starre zurück, innerlich zerstückelt von den vielen Gesichtern, welche zerbrochen, zersplittert und neu zusammengesetzt wurden. Eine groteske Imitation des Lebens: Augen schmelzen in Wangen, Lippen verflüssigen sich, Köpfe spalten sich und blühen in etwas Neues. Eines wirkt fremd und doch vertraut. Ein flüchtiger Gedanke, ein Zeitausschnitt, ein gehauchtes Wort. Er ist einer und er ist viele. Er ist ein Reisender, wie ich. Er ist überall. Zu menschenähnlich für eine Ausgeburt des Nebels Zu blutlos, zu schillernd um ein Mensch zu sein — oder um noch menschlich zu sein Er ist wie Morgentau. Der Anbruch eines neuen Tages. Der Beginn jeder Spirale, darauf wartend, entdeckt zu werden. |
| 4 | Wir Sind Eine Spirale Die Gesichter verdrehen sich ineinander und atmen alle wie eins Einige haben Narben, Wucherungen, Fieber Vernarrte Augen oder kratzende Stimmen Doch sie waren alle er, und er war sie alle Und einen Moment lang dachte ich, ich würde zu ihm werden. Oder er zu mir. Um eine neue Spirale zu formen. Um unter der Wasseroberfläche auf der Lauer zu liegen, mit offenem Mund. Vergessen zu werden und wieder aufzutauchen, um die Welt erneut zu verschlingen. Spiegelungen von Spiegelungen. Ein Kind, das einer Wolke auf der Oberfläche eines stillen Teichs folgt Verwechselt ein Bild mit einem anderem, und einem anderem, und einem anderem Die Erinnerung an einen Geist, halb vergessen, doch nie verjagt Ein Bruchteil dessen, was einst war, ein Schatten des Selbst – neu geformt, neu geboren Jedes Hin und Her bringt ein leises Jammern, eine schimmernde Träne, eine Perle aus Schweiß hervor. Die Spirale quält sich, um mir als Ganzes gegenüberzutreten. Die Spirale quält die Welt. Die Spirale ist das Gesicht der Körper auf dem Meeresgrund. Die Spirale ist was unter uns blüht. Die Spirale ist lebendig, ist eine Schlange, ist ein Strudel, ist ein Mund, ist die Neugier, die sich an uns nährt. Sie wartet auf uns, fesselt, kaut, verschlingt und gebiert uns neu. Die Spirale ist unser Ende und unser Neuanfang. |
| Name |
|---|